Die Skythen und die ersten Reiternomaden in der eurasischen Steppe: Lebensform, Gesellschaft und Kunst

Prof. Dr. Hermann Parzinger
Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. kommt es im eurasischen Steppenraum zu einem tiefgreifenden kulturellen Wandel, in dessen Folge das Reiternomadentum als neue Lebens- und Wirtschaftsweise entsteht und das Leben in der Steppe fortan prägt. Diese frühen Reiternomaden fassen wir unter dem Sammelbegriff „Skythen“ zusammen. Die Ursachen für den Wandel sind Veränderungen des Klimas und der Umwelt, die sich nachhaltig auf den Lebensraum auswirkten. Hinzu treten historische Umwälzungen, über die u. a. der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet: Die Griechen gründeten Kolonien an der Schwarzmeerküste, wodurch ihre Kultur mit den Reiternomaden der Nordschwarzmeersteppe in direkten Kontakt trat, gleichzeitig drangen reiternomadische Verbände aus Innerasien Richtung Westen vor. Im Ergebnis dieser Veränderungen kommt es während des 1. Jahrtausends v. Chr. zu einer ungeheuren wirtschaftlichen, kulturellen und auch sozialen Dynamik in der eurasischen Steppe. Neben der neuartigen Lebens- und Wirtschaftsweise hochmobiler Viehzüchter treten revolutionäre Veränderungen in der Kriegsführung auf, weil erstmals berittene Reiterheere mit ihren effektiven Fernwaffen und ihrem entsprechendem Schirrungszubehör durchschlagenden Erfolg haben. Gleichzeitig vollzieht sich ein grundlegender Wandel in der Kunst, als man mit jahrhundertealten und in der Felsbildkunst der Bronzezeit überlieferten Traditionen bricht und fortan das Tierbild in den Mittelpunkt rückt (sog. skythischer Tierstil), der im Osten chinesische, in Mittelasien persische und im Schwarzmeerraum griechische Einflüsse aufnimmt. Am markantesten jedoch ist die ausgeprägte soziale Differenzierung der reiternomadischen Gesellschaft, die sich in monumentalen Grabmälern (sog. Großgrabhügeln) mit reichen Grabausstattungen mit Goldgegenständen und wertvollen Importobjekten ausdrückt. Diese skythische bzw. reiternomadische Kultur entstand zunächst in Südsibirien und verbreitete sich anschließend von dort aus über Mittelasien und den Nordkaukasus bis in den Nordschwarzmeerraum und erreichte zuletzt sogar das Karpatenbecken. Der Vortrag geht den Wurzeln dieser Veränderungen ebenso nach wie der Ausbreitung der skythischen Kultur von der Peripherie Nordchinas bis in den äußersten Osten Europas.