Evolution im Zeitraffer

Dr. Richard Neher
Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Tübingen

Unser Immunsystem erkennt und zerstört Krankheitserreger oder infizierte Zellen und schützt uns von diesem Zeitpunkt an vor den Erregern. Aber manche Viren verändern ihre Proteine so schnell, dass sie dem Immunsystem immer einen Schritt voraus sind und Menschen entweder dauerhaft oder wiederholt infizieren. Die Evolution von Viren beruht auf den gleichen Prozessen – Mutation, Selektionen, Rekombination – wie die Evolution von Tieren und Pflanzen. Allerdings ist die Evolution von manchen Viren bis zu eine Million mal schneller als die von Tieren, so dass wir die Evolution von Viren direkt von Jahr zu Jahr beobachten können. Im Vortrag wird das Wechselspiel zwischen HIV (Human Immunodeficiency Virus) und dem Immunsystem diskutiert und dargelegt, wie das Virus immer wieder dem Immunsystem ausweicht und sich so über viele Jahre im Körper fortpflanzen kann. Die schnelle Evolution ist der Hauptgrund, warum es gegen HIV nach wie vor keine Impfung gibt. Eine Grippeinfektion hingegen wird vom Immunsystem innerhalb einiger Wochen besiegt, aber wir werden alle paar Jahre erneut infiziert, da auch dieses Virus sich verändert.

Das Studium der Evolution von Viren ist zum einen wichtig, um Impfungen und Therapien zu entwickeln, zum anderen bieten Viren die Möglichkeit, evolutionäre Prozesse zu untersuchen, die in Tieren viele Millionen Jahre dauern würden.